1960 bis 1980

In den 1960ern stieg die Anzahl der Pkw-Besitzer rapide an, sodass der Motorradmarkt einbrach. MV Agusta hat auf diese Änderung bei den Kundenwünschen mit wahrem Erfindergeist reagiert und neue Modelle ins Angebot aufgenommen, die für Motorradbegeisterte attraktiv waren. Von diesen Bikes ging die „600“ in die Geschichte ein, das erste vollwertige Motorrad weltweit mit einem Vierzylindermotor. Das auf Basis von Mike Hailwoods 500er-GP-Maschine entstandene Motorrad entwickelte sich als Straßenversion nach und nach zur High Performance 750 S America mit einer Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h.
Im gleichen Jahr wurde die 125 Disco eingeführt, deren Name von der Drehschiebersteuerung des Zweitaktmotors abstammt. Die späten 60er markierten den Beginn der Ära Agostini, und von 1967 bis 1973 dominierten die Drei- und Vierzylindermodelle 350 und 500. Diese beiden Modelle wurden zuerst mit Dreizylinder- und später mit Vierzylindermotoren ausgestattet, um dem Ansturm der japanischen Zweitakt-Bikes zu begegnen.

Nach Graf Domenicos Tod in den frühen 70ern stand das Unternehmen vor schweren wirtschaftlichen Problemen. Die Zeit war überschattet von dem Konflikt zwischen zwei verschiedenen Denkrichtungen in der Unternehmensführung: ein Teil war der Meinung, die Investitionen in den Rennsport fortzuführen, der andere Teil war überzeugt, dass ein Reduzieren des Rennsportengagements die einzige Möglichkeit zum Ausgleich der Bilanz war. Das Ergebnis war eine gemäßigte Politik, die zu einer eingeschränkten Entwicklung des Rennteams und einer drastischen Verringerung der Anzahl der angebotenen Modelle auf nur zwei Bikes führte: die 350 und die 750. Letztere gab es in drei verschiedenen Ausführungen – „Scrambler“, „GTEL“ und „SEL“ – während die 750 in den Versionen „Sport“ und „Gran Turismo“ erhältlich war.

Im Rennsport hielt MV die Zweitakter von Yamaha und die Suzukis mit Jarno Saarinen und Barry Sheene weiter in Schach. Erbitterter Widerstand gegen die japanische Invasion kam vom heldenhaften Phil Read, der in der Saison 1975 zu zwei Siegen fuhr, und natürlich von Giacomo Agostini. Agostini kam überraschend von seinem Ausflug zu Yamaha zurück und konnte sich am 29. August 1976 den letzten Sieg von MV Agusta auf dem Nürburgring sichern.
Auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Lage musste sich MV Agusta einen neuen Finanzpartner suchen. Die Lösung fand sich in Form des mächtigen öffentlichen Investors EFIM (Ente Partecipazioni e Finanziamento Industria Manifatturiera), der jedoch den Ausstieg von MV Agusta aus der Motorradbranche verlangte, falls die finanzielle Sanierung erfolgreich sein sollte. Durch die schwierige Entscheidung, die Motorradproduktion einzustellen, wurde eine neue Generation großer Motoren mit zwei Nockenwellen und 16 Ventilen (750 und 850 cm³) eingestellt, die auf der Mailänder Motorradmesse von 1977 vorgestellt werden sollten. Das Unternehmen hatte bereits einen Messestand reserviert, und erschien dann einfach nicht. Die Bikes waren jedoch noch bis 1980 erhältlich, als die letzte Maschine aus den Lagerhallen in Cascina Costa verkauft wurde.

Der Name MV Agusta tauchte im Juli 1986 wieder in den Schlagzeilen auf, als die Fachpresse den Verkauf von Bikes, Prototypen, Rahmen und Motoren der legendären Rennabteilung des Unternehmens ankündigte. Diese Nachricht führte zu einer derartigen Aufregung, dass führende Journalisten ein Eingreifen der Regierung forderten, um dieses italienische Technikerbe zu schützen. Leider war nicht einmal die historische und technische Bedeutung dieser grandiosen Rennmaschinen genug, um das Interesse des Ministeriums für Industrie und öffentliche Beteiligung zu wecken: alle Motorräder und Teile gingen für etwa 1,5 Milliarden Lire (ca. 750.000 Euro) an den Italoamerikaner Roberto Iannucci. So endete die Geschichte von MV Agusta aus Cascina Costa in einer Atmosphäre voller Kontroversen und aufrichtiger Nostalgie für eine glorreiche Vergangenheit.

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